Ein nicht alltägliches Audit - Erfahrungsbericht aus einem Geburtshaus

Donnerstag, 08 November 2012 •

bfk ingenieure ist mit mehreren Projekten auch im Gesundheitssektor tätig und leitet seit fast zwei Jahren die Koordinationsstelle des Qualitätsmanagement-Verbundes der Geburtshäuser in Deutschland. Neben den wesentlichen Steuerungsaufgaben wie der Anpassung des QM-Systems an die gesetzlichen und vertraglichen Vorgaben und der Planung des jährlichen Zertifizierungsverfahrens führt die Koordinationsstelle selbst auch Stichprobenaudits durch. Dieses ergänzende Steuerungsinstrument dient der zusätzlichen Sicherstellung der Konformität der QM-Systeme der Geburtshäuser gemäß ISO 9001, den vertraglichen Vereinbarungen mit den Krankenkassen und bietet die Chance zum Aufzeigen von Verbesserungspotentialen.

 
Für den 20. September hatte ich ein Audit im Geburtshaus in Annaberg-Buchholz im Erzgebirge geplant. Wie allgemein üblich wurden zu Beginn des Audits die Managementprozesse überprüft, welche typische Merkmale eines Qualitätsmanagementsystems auf Basis der Norm ISO 9001 aufweisen, aber außerdem um den spezifischen Bereich „Kooperation" (geplante Zusammenarbeit mit z.B. Kliniken, Ärzten, Rettungsdiensten) und das obligatorische Sicherheits- und Risikomanagement erweitert sind.
 

Ein Audit in einem Geburtshaus ist zwar wie jedes andere Audit planbar, aber der Verlauf ist nicht immer vorhersehbar. Was den Auditplan des Auditors durchkreuzt, ist die eigentliche Aufgabe und Berufung der Hebammen des Geburtshauses – die Geburt eines Kindes. Der Anruf einer Schwangeren kündigte auch prompt an, dass „es bald soweit" ist und sie in Kürze ins Geburtshaus kommen wird. Die Hebammen stellen sich routiniert, konzentriert und ruhig auf die neue, aber keineswegs überraschende Situation ein. Die Aufgabenverteilung ist bestens organisiert und aufeinander abgestimmt, die Räume sind schon seit den frühen Morgenstunden vorgewärmt – also beste Voraussetzungen für eine natürliche Geburt in einer angenehmen Umgebung. Als Auditor, dessen Plan noch vor Minuten der tatsächlichen Umsetzung entsprach, komm ich nun doch etwas ins Schwitzen. Eine kurzfristige Sondierung, was vor dem Eintreffen der Schwangeren noch auditiert werden kann, welche Auditbereiche und -themen nach hinten verschiebbar sind und zügige Absprachen, welche verantwortlichen Hebammen noch für die entsprechenden Bereiche bzw. Prozesse zur Verfügung stehen.

Das Audit geht parallel zur Wehentätigkeit im Geburtszimmer weiter, mit der Überprüfung der Verbrauchsmaterialien, Medikamente auf Haltbarkeit bzw. Einhaltung der vorgeschriebenen Kühlung sowie der Wartung der medizinischen Geräte und der Einhaltung der vorgegebenen Hygienestandards, den essentiellen Unterstützungsprozessen und wesentlichen Bestandteilen eines Audits im Gesundheitssektor. Die Kernprozesse Kurse, Schwangerschaftsbetreuung, Geburt und Verlegung kennzeichnen die eigentliche geburtshilfliche Arbeit der Hebammen und sind durch Checklisten und Arbeitsanweisungen auch für Notfallsituationen beschrieben und werden im Geburtshaus „gelebt" und vorbildlich umgesetzt.

Das Verbesserungsmanagement ist nicht nur nach der Norm ISO 9001 ein unverzichtbarer und elementarer Bestandteil eines Qualitätsmanagementsystems, sondern wird auch in einem Geburtshaus nachweislich umgesetzt. So kommen regelmäßig QM-Methoden wie das Ishikawa-Diagramm zur Anwendung.

Heute war meine ganze Flexibilität als Auditor gefragt. Als Auditor konnte ich mich von der Konformität und dem gut funktionierenden QM-Systems des Geburtshauses überzeugen. Die Geburt in einem Geburtshaus ist eine Alternative zur Klinikgeburt, um in einem familiären Umfeld sein Kind selbstbestimmt und natürlich zur Welt zu bringen. Die Sicherheit für Mutter und Kind stehen dabei für die Hebammen des Geburtshauses an erster Stelle.

Das Audit dauerte übrigens länger als die Geburt. Es ist ein Junge. Er heißt Stanley. Herzlich willkommen im Leben!

 

Dr. Hartmut Pfeifer, bfk ingenieure